Coming out für Geflüchtete

Autor*innen: Psych. (M.Sc.) Luise Kenntner & M. Albarzawi

Das Coming out für geflüchtete und asylsuchende Menschen hat noch einmal eine andere Bedeutung und Herausforderungen können umso größer sein.

In verschiedenen Lebenssituationen hat eine Offenlegung der sexuellen Orientierung und/oder Geschlechtsidentität eine andere Notwendigkeit und Konsequenzen. Das Hilfenetzwerk kann unter Umständen auf die Bedürfnisse queerer Geflüchtete besser eingehen, wenn diese offen über ihre Identität sprechen. Gleichzeitig kann es zu erneuten Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen führen, wenn Menschen involviert werden, die nicht sensibel mit den Themen Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität umgehen können oder voreingenommene und stereotype Haltungen vertreten.

Es kann helfen, in der entsprechenden Umgebung, Institution oder Organisation nach Hinweisen Ausschau zu halten, die eine offene Haltung ggü. den Themen signalisieren. Dies könnten Broschüren oder Flyer sein, die eine Regenbogenflagge beinhalten. Versuchen Sie indirekt die Ansichten der Menschen zu Themen der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität zu erspüren, bis Sie sicher sind, an wen und wann Sie Ihre Anliegen zum ersten Mal preisgeben können. Finden Sie den richtigen Zeitpunkt für die Schritte und versuchen Sie gleichzeitig Gruppen und Einzelpersonen einzubinden, die eine allgemeine Akzeptanz von sexueller und Geschlechtlicher Vielfalt haben. Schaffen Sie positive Beziehungen, die Sie motivieren können. Über LSBTIQ* spezifische Beratungsstellen können Sie Zugang zu solchen Menschen finden.  

Coming out im Hilfenetzwerk:

Während der Dauer des Asylverfahrens und darüber hinaus, kann es notwendig sein, sich an mehrere Unterstützer*innen zu wenden, sei es in der Flüchtlingsunterkunft, in (psycho)sozialen Unterstützungszentren oder bei Behörden. Manchmal kann es erforderlich sein, dass diese über Ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität informiert sind, damit sie besser auf Ihre Bedürfnisse eingehen können, z.B. wenn Sie Ihre Wohnsituation ändern wollen, weil Sie sich unwohl oder gefährdet fühlen oder weil Sie Hilfe benötigen bei der Suche nach spezifischen LSBTIQ* Unterstützungsangeboten.

Wichtig zu wissen ist, dass Personen mit denen Sie sprechen meist eine Schweigepflicht besitzen und keine Informationen über Sie weitergeben dürfen, wenn Sie nicht persönlich die Erlaubnis dazu erteilen. Es wird gewöhnlich auch empfohlen, diesen Personen mitzuteilen, wenn Sie Ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität nicht der Umgebung preisgeben wollen.

Coming out im Asylverfahren:

  • Es ist wichtig, dass Sie beim Interview durch das BAMF glaubhaft und offen über Ihre sexuelle Orientierung und/oder Geschlechtsidentität berichten, wenn Sie möchten, dass dies als Grund für die Verfolgung anerkannt wird.
  • Sie werden über sehr persönliche Dinge sprechen und glaubhaft darstellen müssen, dass ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität der Grund Ihrer Verfolgung ist. Hier ist zu beachten, dass Sie zwar private Fragen über ihr Alltagslebens und Ihre Gefühle und Erfahrungen gestellt bekommen können, Fragen über sexuelle Praktiken oder das Zeigen sowie das Anfordern visueller Beweise über sexuelle Praktiken ist verboten.
  • Wenn eine Frage zu persönlich ist, muss sie nicht beantwortet werden, ärztliche oder psychologische Gutachten über die sexuelle Orientierung dürfen nicht verlangt werden. Wenn es medizinische Unterlagen gibt, die eine Hormontherapie oder eine Geschlechtsangleichung dokumentieren, ist das hilfreich, wenn Sie als trans* oder inter* Person anerkannt werden möchten.
  • Als Belege für Ihre Situation können auch Fotos oder Presseberichte helfen, die Sie zeigen, wie Sie sich als Aktivist*in engagieren oder wie Sie an Veranstaltungen für LSBTIQ* teilnehmen. Anzeigen oder Dokumente über Gerichtsverfahren gegen Sie sind ebenfalls wichtige Beweise.
  • Das Gespräch kann jederzeit abgebrochen und ein neuer Termin beantragt werden, falls Sie sich irgendwie unwohl oder nicht respektiert fühlen, sei es wegen der Person, die das Gespräch führt oder wegen der Sprachmittler*in.

Sprachmittlung

Wir haben eine Handreichung zum Thema Sprachmittlung in der Beratung von LSBTIQ* Menschen für Beratungsnehmende, psychosoziale Fachkräfte sowie für Sprachmittler*innen entwickelt. Beratungsnehmende finden dort Informationen auf Deutsch, Englisch und Arabisch

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Letzte Aktualisierung: 25.10.2020

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