Tradition und Migration

Autor: Dr. phil., Dipl.-Psych. Jochen Kramer

LSBTIQ* in verschiedenen Ländern und Religionen

Menschen, die LSBTIQ* sind, gab es schon immer und gibt es gleichermaßen in allen Ländern. Dass sie früher nicht so sichtbar waren bzw. auch heute in manchen Ländern nicht so sichtbar sind, liegt an den größeren Repressionen, die LSBTIQ* dort erfahren oder erfahren haben. LSBTIQ* zu sein widerspricht auch religiösen Vorstellungen nicht grundsätzlich, da es in allen großen Weltreligionen liberale Auslegungen der Schriften bzw. religiösen Regeln gab und gibt. In viele Regionen und Religionen der Welt wurde die Ablehnung von Menschen, die LSBTIQ* sind, erst mit der Kolonialisierung von Europa aus „exportiert“ (Quelle: AI2013 zu Homosexualität).

Die Bedeutung kultureller Traditionen

In manchen Familien bzw. gesellschaftlichen Gruppen wird LSBTIQ* zu sein als nicht vereinbar mit den eigenen Traditionen angesehen. Religiöse und ethnische Traditionen erschweren dann ein selbstbestimmtes Leben als Mensch, der LSBTIQ* ist. religiöse und ethnische Traditionen können aber auch eine wichtige Kraftquelle sein Ob ethnische und religiöse Traditionen und Werte stärkend oder schwächend wirken hängt (nach Kizilhan…) davon ab, ob in der Herkunftsfamilie oder Herkunftscommunity:

  • religiöse bzw. ethnische Traditionen offen und unterstützend (= Kraftquelle) oder streng und alltagsbestimmend (= Erschwernis) gelebt werden.
  • eine gute (= Kraftquelle) oder nicht gute (= Erschwernis) Integration in das soziale Umfeld besteht
  • allen Mitgliedern die gleichen Rechte zugestanden werden (auch allen Geschlechtern), man sich am Wohlbefinden aller orientiert und Gewalt als Erziehungsmittel ablehnt (= Kraftquelle) oder eine stark hierarchische, patriarchale Struktur herrscht, es einen starken Ehrbegriff gibt, Sexualität kontrolliert wird und Gewalt als Erziehungsmittel genutzt wird (= Erschwernis).

Entscheidend ist also wie diese Traditionen gelebt werden. Davon hängt ab, ob sie Ressourcen oder Gefährdungen darstellen. Es hängt nicht davon ab, welcher Religion oder welcher ethnischen Gruppe jemand angehört.

Wenn im eigenen Umfeld Traditionen so gelebt werden, dass sie das Wohlbefinden von LSBTIQ* gefährden

  • Ist es umso schwieriger, sich klar zu werden, wie man sein Leben so leben kann, dass man sowohl der eigenen sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität als auch dem eigenen Glauben und der eigenen ethnischen Zugehörigkeit gerecht wird. (inneres Coming-out)
  • Ist es umso schwieriger, sich unbefangen anderen gegenüber so zu zeigen, wie man ist (äußeres Coming-out)
  • ist es deshalb umso wichtiger, Unterstützung zu bekommen von Menschen, die lsbtiq*- und kultursensibel sind. Das kann auch ein wichtiges Kriterium sein für die Auswahl von psychotherapeutischer Unterstützung.

 

Weiterführende Links für Menschen mit LSBTIQ*- und Migrationshintergrund

Menschen mit Migrationshintergrund, die sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie eine homo, bi oder transgender Identität haben, stehen häufig vor besonderen Herausforderungen, die sich aus den Beziehungen bzw. Wechselwirkungen zwischen ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Kulturzugehörigkeit ergeben.

2010 veröffentlichte Prof. Dr. phil. Melanie Steffens im Auftrag des LSVD die erste Studie zur Lebenssituation von Lesben und Schwulen mit Migrationshintergrund, die Studienergebnisse wie auch eine Zusammenfassung sind auf der Webseite www.migrationsfamilien.de abrufbar.

Für die Aufklärungsarbeit mit Migrationsfamilien zum Thema Homosexualität hat der LSVD ein Online-Methodenhandbuch erstellt, das auf der selben Webseite zu finden ist.

Außerdem hat die Psychosoziale Frauenberatungsstelle donna klara einen Flyer zu lesbischem Leben und Migration in Schleswig-Holstein herausgebracht.

Mit der Situation geflüchteter Menschen, die LSBTIQ* sind, beschäftigen wir uns in unserem Projekt "Anders ankommen – Vielfalt verstehen". In diesem Projekt haben wir Handreichungen zur Sprachmittlung erarbeitet, die im Download-Bereich heruntergeladen werden können.

Letzte Aktualisierung: 08.11.2020

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