Zugewiesenes Geschlecht

Autor*innen: Leyla Jagiella & M. Albarzawi  

Die Gesellschaft weist Menschen anhand verschiedener körperlicher Merkmale ein Geschlecht zu: Den Genen, die wir vererbt bekommen und die wiederum mitbestimmen, wie sich unsere Hormone und Sexualorgane entwickeln.

Biologisch gibt es jedoch nicht nur einfach ein klares weibliches und ein klares männliches Geschlecht, sondern auch ein Kontinuum zwischen diesen Polen. Viele Gesellschaften lassen diesem Kontinuum jedoch keinen Raum und möchten allen Menschen ein klares angeborenes männliches oder weibliches Geschlecht zuweisen. Dadurch werden insbesondere trans* und intersexuelle Menschen herausgefordert.

Menschliche Biologie, Geschlecht und Wissenschaft:

Viele Menschen glauben, dass die Genitalien eines Menschen sein Geschlecht bestimmten würden. Männer haben einen Penis und Frauen haben eine Vagina. Tatsächlich ist menschliche Biologie jedoch wesentlich komplexer. Die oft übliche zweigeschlechtliche Definition ignoriert viele Menschen mit intergeschlechtlichen Diagnosen. Sie entwertet auch trans Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen keiner geschlechtsangleichenden Operation unterziehen wollen oder können. Auch Frauen können einen Penis haben, wenn sie bestimmte intergeschlechtliche Diagnosen haben oder wenn sie als trans Frau keine geschlechtsangleichende Operation hinter sich haben. Auch Männer können eine Vagina haben, wenn sie bestimmte intergeschlechtliche Diagnosen haben oder wenn sie als trans Mann keine geschlechtsangleichende Operation hinter sich haben.

Chromosomen:

Uns wird in der Regel beigebracht, dass Menschen mit XX Chromosomen weiblich sind und dass Menschen mit XY Chromsomen männlich sind. Auch hier gilt jedoch wieder, dass menschliche Biologie weitaus komplexer ist. Die erstgenannte Idee schließt Menschen mit verschiedenen intergeschlechtlichen Diagnosen aus. So kann eine Person etwa XY Chromosomen haben, aber trotzdem mit einer Vagina geboren worden sein. Oder eine Person kann XXY Chromosomen. Gleichzeitig werden auch hier wieder trans Menschen ausgeschlossen, deren Chromosomen nicht ihre Geschlechtsidentität determinieren.

Hormone:

Wir assoziieren eine Dominanz von Östrogenen häufig mit Frauen und eine Dominanz von Testosteron mit Männern. Aber es ist wichtig zu verstehen, dass jede Person beide Formen von Hormonen in sich trägt und dass diese in unterschiedlichen Verhältnissen vorliegen können. Östradiol etwa, eine der wichtigsten Formen von Östrogen im menschlichen Körper, speilt auch eine wichtige körperliche Funktion bei Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewisen wurde. Östradiol ist wichtig für die sexuelle Erregung, für Spermienproduktion und Erektion. Obwohl trans Menschen sich oft einer Hormontherapie unterziehen um sich ihrem Geschlecht anzugleichen, heißt das nicht, dass so eine Therapie zentral für die Geschlechtsidentität einer Person ist. Ein trans Mann der etwa kein zusätzliches Testosterton zu sich nimmt ist nicht weniger ein Mann, als einer der es tut.

Sekundäre Geschlechtsmerkmale:

Viele sogenannte sekundäre Geschlechtsmerkmale sind unmittelbar sichtbar: Gesichtsbehaarung, Brüste, auch die Stimme eines Menschen. Deshalb orientieren wir uns oft an ihnen, um Vermutungen über das Geschlecht einer Person anzustellen. Aber sekundäre Geschlechtsmerkmale können tatsächlich stark variieren, unabhängig davon ob sich ein Mensch mit dem Geschlecht das ihm bei seiner Geburt zugewiesen wurde identifiziert oder nicht. Viele Menschen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde entwickeln etwa später von selbst Gesichtsbehaarung, viele Menschen, denen das männliche Geschlecht zugewiesen wurde hingegen nicht.

Intersexualität oder Intergeschlechtlichkeit:

Intersexualität oder Intergeschlechtlichkeit bedeutet, dass die körperlichen Geschlechtsmerkmale eines Menschen nicht klar und eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugewiesen werden können. Das kann bereits bei der Geburt sichtbar sein, oder sich erst später im Leben zeigen. Kinder, die bei der Geburt als intersexuell identifiziert werden, werden von Ärzten und Eltern oft Operationen und medizinischen Behandlungen unterworfen, die ihr Geschlecht eindeutig männlich oder weiblich machen sollen.

Diese Verfahren haben jedoch leider zahlreiche Nebenwirkungen und das dadurch erzeugte "Geschlecht" stimmt oft nicht mit der Geschlechtsidentität des Kindes überein. Intergeschlechtliche Menschen leiden oft sehr unter den medizinischen Verfahren, die ihnen aufgezwungen wurden, ohne dass sie dabei eine Wahl gehabt hätte.

Letzte Aktualisierung: 20.10.2020

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